© Das Magazin; Nr.47, 25.11.2000

Arbeiten macht Spass

Von Markus B. Meier

Das Internet, heisst es, mache die
Wirtschaft produktiver. Schön, wenn
wenigstens der Chef dran glaubt.


Acht Uhr morgens. Paul Studer erscheint pünktlich und gut
gelaunt an seinem Arbeitsplatz. Der Sachbearbeiter einer
Handelsfirma startet sofort seinen Computer, plumpst in den
bequemen Drehstuhl, und los geht es mit eifrigem
Tastenklicken und Mausverschieben. Studer, ein Kadermann
mit eigener Sekretärin und Dienstwagen, muss wie jeden Tag
viel erledigen; «Pendenzen abbauen», wie er sagt.

Doch was genau arbeitet Studer den ganzen Tag lang?
Warum schaufelt er sogar sein Mittagsbirchermüesli vor dem
Computer in sich hinein? Ist er ein krankhafter Workaholic?

Willkommen im Internet: Studers Chef ist noch nicht einmal
im Büro erschienen, da hat der Topmann per Netz bereits ein
Drittel seiner serbelnden Aktien verkauft und den Gewinn in
Novartis-Anteile investiert. Den Sportteil der NZZ und des
«Tages-Anzeigers» hat er auch schon gelesen - online.
Ausserdem hat er auf der Internetseite von Kuoni ein
günstiges Hotel in Tunesien gebucht, vier Rechnungen per
Mausklick bezahlt, drei «Busenbildli» für die spätere
E-Mail-Post an Kollegen auf seine Harddisk geladen, eine
halbe Stunde lang hirnloses Moorhuhnschiessen gespielt und
bei amazon.com für seine 12-jährige Tochter die neue
Britney-Spears-CD bestellt. Nach achteinhalb Stunden
Bildschirmarbeit verlässt Studer das Büro, viel hat er geleistet
- nicht viel für seinen Arbeitgeber.

Die amerikanische Wirtschaft ist vom Internet am stärksten
durchdrungen. Die begeisterte Businesswelt hat dem Einfluss
dieser neuen Technologien so viel Bedeutung beigemessen,
dass sie von ihr die Schöpfung einer neuen Wirtschaft, einer
«New Economy», erwartete.

Der Amerikaner Robert J. Gordon jedoch,
Ökonomieprofessor an der Northwestern University und
renommierter Fachmann für Produktivitätsmessung, äussert
unverhohlene Zweifel an der New Economy. Auf seiner
Web-Seite
(http://faculty-web.at.nwu.edu/-economics/gordon/researchhome.html)
bestreitet Gordon, dass das Internet die Produktivität der
Wirtschaft revolutionär verändert habe. In den Branchen, die
die neuen Technologien nur anwenden, aber nicht herstellen,
das heisst in 88 Prozent aller amerikanischen Betriebe, habe
die durchschnittliche Produktivität nicht zu-, sondern im Ge-
genteil abgenommen. Nur die Produk-tivität der
New-Economy-Branchen selbst und vorübergehende
Faktoren führen nach Gordon zur statistisch höheren
Leistungsfähigkeit der Amerikaner. Schlüssig widerlegen
konnte ihn bisher niemand.

Bis vor kurzem war das Telefon die einzige Möglichkeit, dem
Geschäftsalltag bezahlt zu entfliehen und ein paar Minuten
Privatheit im Büro zu schaffen. Aber das Telefonieren hat
zwei Nachteile: Es ist laut und indiskret. Das Internet
dagegen hat den beflissenen Faulpelzen vom Typus Paul
Studer ganz neue Möglichkeiten eröffnet: Sie können nun
dank E-Mail und Chat-room jeder Art von Kommunikation -
vom sterilen Glückwunschschreiben bis hin zum
selbstzerstörerischen Liebes-hinundher - in aller Stille und
höchst effizient nachgehen. Gerade E-Mails sind für das
weite Feld der nicht konsumierten Lust wie geschaffen. «Wie
wärs mit einem Quick Lunch?» - ein typisches Beispiel von
gezielter, E-Mail-gerechter Zweideutigkeit. Zudem lässt das
Surfen während der Arbeitszeit durch Unmengen von
redundanten Daten den Netzsüchtigen seine eigentli-che
Aufgabe vergessen, nämlich produktiv im Sinne seines
Arbeitgebers zu sein. Der angespannte Blick in den
Bildschirm zeugt allemal von grösstem Arbeitseifer.

Der Computer im Geschäft hat für Spiele, Geplauder und
Neugier gegenüber dem Gerät zu Hause entscheiden- de
Vorteile: Letzteres ist in der Regel weniger leistungsfähig,
konkurriert mit der Telefonleitung und kostet entsprechende
Gebühren. Ausserdem sind zu Bürozeiten Freunde,
Kolleginnen und Verwandte ebenfalls am Arbeitsplatz
erreichbar und werden nicht durch Verpflichtungen wie
Familie, «Big Bro-ther» oder Nachtessen abgelenkt.

Wie gehen die Unternehmen mit dem Problem der
genussvernetzten Mitarbeiter um? Einerseits riskieren sie, die
unproduktive Zeit ihrer Angestellten zu bezahlen, andererseits
belastet der private E-Mail- und Internetgebrauch die
Systemressourcen. Die Antwort auf die Frage nach
entsprechenden Gegenmassnahmen fällt in den meisten
Fällen gleich aus: Man vertraue auf das
Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeiter, heisst es. Im
Klartext: Man ist gegenüber dem privaten Treiben am
Bildschirm machtlos.

Einige Unternehmen wie Swisscom, Rieter oder UBS wenden
sich nicht einmal grundsätzlich gegen den privaten Gebrauch
des Internets, sofern die Arbeit nicht beeinträchtigt werde.
Andere, wie zum Beispiel die beiden Banken Credit Suisse
und Zürcher Kantonalbanken (ZKB), sind restriktiver: Sie
untersagen per Weisung den privaten Gebrauch des
Internets. Die ZKB misst laut Pressesprecher Urs Ackermann
sogar, wer wie lange auf dem Netz war und wie viele Mails
versandt hat.

Die Unternehmen befinden sich in einem Dilemma. In vielen
Fällen ist der Unterschied zwischen privatem und
geschäftlichem Gebrauch des Internets nicht leicht
auszumachen. Zum Job eines Bankangestellten zum Beispiel
gehört es zu wissen, was an den Börsen läuft. Warum also
nicht selber die Gelegenheit zum eigenen Börsenpokerspiel
nutzen, zumal man immer nur wenige Mausschlenker vom
ständig lockenden Gewinn entfernt ist?

Die Überwachung der Mitarbeiter empfiehlt sich nicht:
Orwellsche Kont-rolle demotiviert vor allem das Personal mit
genügend Verstand und Selbstdisziplin, um das Internet
sinnvoll zu nutzen. Deshalb setzen die meisten Unternehmen,
abgesehen von Filtern für pornografische oder rassistische
Inhalte, keinerlei technische Überwachung ein.

Fest steht: Bereits in Vorinternetzeiten waren
Computerspiele, Klatsch und halbherzige Flirts in vielen
Büros beliebte Tätigkeiten. Neu an der Netzwelt ist ihre
Funktion als eine Art ideales Biotop für notorische Nichtstuer.
Menschen wie Studer sind typisch für die Büroarbeit im
Zeitalter der New Economy. Auch Robert J. Gordon sieht in
diesem Phänomen eine Erklärung, weshalb mit den neuen
Technologien die Produktivität der Unternehmen zumeist nicht
angestiegen ist: «Die Leis-tungsfähigkeit durch das Internet
kann durch den steigenden Gebrauch der Bürocomputer für
den privaten Konsum verringert worden sein.» Wie typisch
der fleissige Zeitvertreib im Internet ist, zeigt sich am
Heimatland der New Economy, den USA: Die Leute sind dort
gemäss einer Studie doppelt so lange am Computer ihres
Arbeitgebers online als am heimischen. Die Seiten für Spiele,
für Konsum und Freizeitinformationen werden öfters von
Firmencomputern angewählt als von privaten, und der
Ansturm auf die einschlägigen Seiten des Internets ist - man
ahnt es - während der Bürozeiten am grössten. Zugenommen
hat in der New Economy nicht unbedingt die Produktivität des
Einzelnen, sondern die Anzahl Möglichkeiten, am Arbeitsplatz
diskret zu tun, was der Mensch, dieses unheilbare
Freizeittier, am liebsten macht: spielen, flirten, tratschen.

Wieder den ganzen Tag grausam hart am Computer
gearbeitet.

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